Coolcation: Sommer im Norden statt Hitze im Süden
Während der klassische Sommertourismus im August weiterhin Massen nach Kreta und Mallorca lockt, wählen immer mehr Reisende den entgegengesetzten Weg. Ich habe mir angesehen, was wirklich hinter dem Coolcation-Hype steckt, und die Antwort hat selbst mich überrascht.
Dorothea Schroeder
Ich beobachte seit Jahren, wohin sich Reisetrends bewegen, lange bevor sie im Prospekt landen. Für diesen Artikel habe ich mir angesehen, was Tourismusverbände in Skandinavien selbst über den Coolcation-Trend sagen.
Veröffentlicht: 4. Juli 2026 | Aktualisiert: Juli 2026
Eine Kunde schickte mir eine Nachricht aus seinem Island-Urlaub: Er schwärmte begeistert von Walbeobachtungen, frisch gefangenen Dorschen und den blühenden Lupinen-Feldern, und das bei perfektem Reisewetter und angenehmen 15 bis 18 Grad.
Coolcation (aus engl. „cool" und „vacation") bezeichnet den Trend, den Sommerurlaub statt in klassische Hitzeziele wie Südeuropa gezielt in kühlere Regionen zu verlegen. Geprägt wurde der Begriff erst 2023/2024, ausgelöst durch zunehmende Hitzewellen. 2023 war laut dem europäischen Klimadienst Copernicus offiziell das heißeste Jahr seit Messbeginn.
Der Moment, in dem der Trend plötzlich überall auftauchte
Zuerst dachte ich, „Coolcation“ sei nur ein weiteres flüchtiges Modewort. Genau wie die Staycation, die anfangs wie ein vorübergehender Trend wirkte, sich dann aber als wunderbare und nachhaltige Reisealternative für uns alle entpuppte.
Und dann fiel mir etwas auf: Der Begriff taucht nicht nur in Reisemagazinen auf. Er steht inzwischen offen auf den Webseiten von Visit Norway und Visit Sweden. Ganze Kampagnen sind darauf aufgebaut.
Also habe ich genauer hingeschaut, wer und was eigentlich hinter diesen Kampagnen steht.
Für eine aktuelle Studie wurden elf Tourismusverbände aus Finnland, Norwegen, Schweden und den Färöer-Inseln befragt, von nationalen Organisationen wie Visit Finland bis zu kleinen Orten wie Salla oder Kiruna. Das Ergebnis überrascht: Je näher man an die Basis kommt, desto vorsichtiger wird der Ton.
Die unbequeme Wahrheit: Coolcation ist oft mehr Marketing als Strategie
Hier kommt der Teil, den viele Hochglanz-Artikel auslassen. Nationale Verbände wie Visit Finland setzen voll auf den Begriff, mit Kampagnen, Influencern und eigenen Reisepaketen.
Aber schon eine Ebene tiefer sieht es anders aus. Ein Vertreter aus Levi in Finnland sagte in der Studie sinngemäß, man spreche lieber über Sport als über „Coolcation". Kiruna in Schweden hat keine eigene Strategie dafür, obwohl die Sommer dort objektiv kühler sind. Die Färöer-Inseln verfolgen bislang gar keinen konkreten Plan.
Mit anderen Worten: Der Trend ist real, aber er wird von oben nach unten unterschiedlich stark gelebt. Ganz oben glänzt die Kampagne. Ganz unten fehlen oft schlicht die Daten und das Budget, um wirklich etwas daraus zu machen.
Eine Reisegruppe aus den Vereinigten Arabischen Emiraten berichtete Betreuern in Salla, Finnisch-Lappland, sie hätten sogar den Regen genossen, einfach weil er nach kühler Erleichterung und nicht nach Bedrohung anfühlte. Genau solche Momente, nicht die Werbekampagnen, treiben den Trend wirklich an.
Klassischer Sommerurlaub
- Mittelmeer, 35 °C+ im Hochsommer
- Überfüllte Strände, Wassermangel möglich
- Gesundheitsrisiken durch Extremhitze
- Etablierte Infrastruktur, große Auswahl
Coolcation-Ziele
- Nordeuropa/Alpen, meist unter 25 °C
- Weniger Andrang, mehr Ruhe und Natur
- Geringerer Energieverbrauch für Kühlung
- Strategie & Angebot regional noch sehr unterschiedlich
Wer wirklich vom Coolcation-Boom profitiert, und wer nicht
Die Forschung zeigt ein Muster: Nationale Marken mit Budget und Reichweite ziehen den größten Nutzen. Kleinere, regionale Orte hängen oft noch in der Warteschleife.
Das wirft eine Frage auf, die selten laut gestellt wird: Verstärkt Coolcation am Ende nur bestehende Ungleichheiten, indem ohnehin wohlhabende nordische Regionen weiter wachsen, während hitzegeplagte Südländer wirtschaftlich zurückfallen?
| Destination | Ebene | Begriff aktiv genutzt? | Eigene Strategie? | Mein Eindruck |
|---|---|---|---|---|
| Visit Finland | National | Ja | Ja, umfassend | Vorreiter |
| Visit Norway | National | Ja | Teilweise | Klar auf dem Weg |
| Visit Arctic Coast | Regional | Ja | Ja, konkret | Unterschätzter Player |
| Kiruna (Schweden) | Lokal | Nein | Nein | Potenzial ungenutzt |
| Levi (Finnland) | Lokal | Bewusst vermieden | Nein | Skeptisch, aus Prinzip |
| Färöer-Inseln | National | Ja, sprachlich | Nein | Noch reine Absicht |
Datenbasis: Fernández-Villarán, Rivera García & Pastor-Ruiz (2025), Competitiveness Review, eigene Einordnung.
So erkennen Sie eine echte Coolcation-Destination
Nicht jeder kühle Ort ist automatisch eine gute Coolcation-Wahl. Diese Punkte tauchen in den Interviews mit Tourismus-Profis immer wieder auf:
- Moderate Sommertemperaturen: Deutlich unter 28 °C, ohne dass es dabei ungemütlich kalt wird.
- Echte Natur statt Kulisse: Wälder, Seen und saubere Luft, keine austauschbare Hotelzone.
- Mix aus Aktivität und Ruhe: Wandern, Wassersport oder Sauna-Kultur statt reinem Strandliegen.
- Nachhaltigkeit als roter Faden: Weniger Energie für Kühlung, mehr Fokus auf Langsamkeit und Achtsamkeit.
- Weniger Massentourismus: Kein Ersatz-Ballermann, sondern echte Alternative zum Trubel.
Von der Alpen-Sommerfrische zum globalen Trend: eine kurze Geschichte
Was viele nicht wissen: Die Idee dahinter ist uralt. Nur der Name und das Zielpublikum sind neu.
Die „Sommerfrische" in den Alpen
Österreich, die Schweiz, Deutschland und Norditalien werben schon lange mit erfrischender Bergluft, ursprünglich vor allem für Familien und ältere Erholungssuchende.
Das heißeste Jahr der Messgeschichte
Copernicus bestätigt: 2023 war global das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Hitzewellen in Südeuropa nehmen spürbar zu.
Der Begriff „Coolcation" entsteht
Reisemedien und Tourismusbranche prägen das Wort, zunächst als Beschreibung eines Verhaltens, das längst begonnen hatte.
Nationale Kampagnen starten
Visit Norway und Visit Sweden integrieren Coolcation offiziell in ihre Sommer-Kommunikation, gezielt für hitzegeplagte Zielgruppen aus dem Süden.
Zwei Geschwindigkeiten
Nationale Ebene wirbt offensiv, regionale und lokale Anbieter bleiben vorsichtig, aus Sorge vor leeren Versprechen ohne echte Substanz.
„Wir sagen nicht 'Coolcation'. Wir sagen, dass man bei uns Sport treiben und die Landschaft erleben kann. Das reicht uns."
Häufige Fragen zum Coolcation-Trend (FAQ)
Die Fragen, die mir seit dem Recherchieren dieses Artikels am häufigsten gestellt wurden:
Coolcation ist ein Kunstwort aus „cool" und „vacation" und beschreibt den bewussten Wechsel des Sommerurlaubs in kühlere Regionen, als Reaktion auf zunehmende Hitzewellen im klassischen Mittelmeerraum. Geprägt wurde der Begriff erst 2023/2024.
- National: aktiv beworben, mit klaren Kampagnen (z. B. Visit Finland, Visit Norway)
- Regional: Trend wird erkannt, aber selten offiziell so benannt
- Lokal: oft noch ohne konkrete Strategie oder belastbare Zahlen
Vor allem Finnland, Norwegen und Schweden mit aktivem nationalem Marketing. Die Alpenregionen in Österreich, der Schweiz, Deutschland und Norditalien profitieren ebenfalls, allerdings über die viel ältere Tradition der „Sommerfrische".
Häufig Reisende aus wärmeren Regionen wie Südeuropa, dem Nahen Osten oder Teilen Asiens, mittleren bis gehobenen Einkommens, mit Interesse an Natur, Nachhaltigkeit und authentischen Erlebnissen statt klassischem Massentourismus.
Ja. Forschende warnen, dass sich Vorteile vor allem in ohnehin wohlhabenden nordischen Regionen bündeln könnten, während hitzegeplagte Südländer wirtschaftlich verlieren. Auch bleibt unklar, wie viel echte Strategie hinter dem Schlagwort steckt.
Coolcation ist kein Hirngespinst, aber auch noch keine fertige Strategie. Es ist ein ehrlicher, menschlicher Reflex auf immer heißere Sommer, an manchen Orten schon clever vermarktet, an anderen noch völlig ungenutzt. Wer jetzt hinschaut, findet ruhigere Ziele, bevor auch sie überfüllt sind.
„Ein guter Reisetrend erklärt sich nicht selbst. Ich schaue lieber einmal zu viel hinter die Kampagne, als am Ende enttäuschte Urlauber zu produzieren, egal wie hip ein Wort gerade klingt."
Dorothea Schroeder
Reiseverkehrskauffrau seit 1991, Inhaberin von Urlaubsreif in Pfaffing/Bayern. Ich lebe und arbeite seit über 35 Jahren in Oberbayern. In diesem Artikel teile ich nicht das, was Sie in jedem Reiseführer finden, sondern das, was ich meinen Kunden persönlich empfehle.
Quellen und Informationen zu diesem Artikel
Dieser Artikel stützt sich auf folgende primäre und weiterführende Quellen:
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Fernández-Villarán, A., Rivera García, J. & Pastor-Ruiz, R. (2025): "Tourism in a warming world: understanding the coolcation trend in Northern Europe."
Competitiveness Review: An International Business Journal, Emerald Publishing. DOI: 10.1108/CR-03-2025-0078.
Hauptquelle dieses Artikels, Basis für die Interviewdaten mit elf nordischen Tourismusverbänden, die thematische Auswertungsmatrix und die zitierten Einschätzungen von Visit Finland, Visit Norway, Salla, Levi, Kiruna u.a.
https://doi.org/10.1108/CR-03-2025-0078 -
López, N. (2024): "Global climate highlights 2023." Copernicus Climate Change Service, Europäische Kommission.
Quelle für die Einordnung von 2023 als weltweit heißestem Jahr seit Messbeginn.
https://climate.copernicus.eu/copernicus-2023-hottest-year-record -
CNBC (2023): "Coolcations are the travel trend of 2023 as tourists try to beat the heat."
Frühe Berichterstattung, die den Begriff „Coolcation" in der Reisebranche bekannt machte.
www.cnbc.com/2023/07/28/coolcations-are-the-travel-trend-of-2023 -
Kingson, A. (2024): "Travel trend: the rise of the coolcation." Luxury Travel Magazine.
Zusätzliche Einordnung der Begriffsentstehung und Zielgruppenmerkmale.
www.luxurytravelmagazine.com/.../rise-of-the-coolcation -
Visit Norway (2024) & Visit Sweden (2024): offizielle Coolcation-Kampagnenseiten.
Beleg für die aktive Nutzung des Begriffs im nationalen Tourismus-Marketing Skandinaviens.
visitnorway.com/plan-your-trip/coolcation/ · visitsweden.com/what-to-do/nature-outdoors/coolcation/
Hinweis: Im Artikel als „sinngemäßes Zitat" gekennzeichnete Aussagen sind Paraphrasen einzelner DMO-Einschätzungen aus der oben genannten Studie, keine wörtlichen Original-Zitate. Zuletzt geprüft: 4. Juli 2026.
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